AufsätzeBibliografie

Ein Stücklein vom rüstigen Sigismund

Bücher teilen Schicksale. Kameraden in dieser Hinsicht sind die überwiegend aus May-Texten bestehende „Karawanenwürger“-​Sammlung und die Jugendbearbei­tung des „Sigismund Rüstig“ nach Frederick Marryat, die beide in den gleichen Häusern und unter denselben Bedingungen erschienen und nicht selten sogar als siamesi­sche Zwillinge auftraten. Es kann hier nicht darum gehen, die gesamte Editionsgeschichte deutschsprachiger Ausgaben des „Masterman Ready“ aufzublättern (das würde Bücher fül­len). Beschränken wir uns auf einzelne Phasen der Schicksalsgemeinschaft beider genannten Titel, die mit dem Verlag von Hugo Liebau in Berlin begann:

Einzelbände ab 1894

Börsenblatt 1894-08-11
Börsenblatt, 11.08.1894
Seite 4796

Zeitgleich – wie diese Annoncierung als „Erschiene­ne Neuigkeit“ im Börsenblatt belegt – kamen „Der Karawanenwürger“ und „Sigismund Rüstig“ in der zweiten Jahreshälfte 1894 bei Hugo Liebau in Berlin auf den Markt, wobei der zweitgenannte Titel seltsa­merweise nicht unter dem Namen seines Urhebers, sondern unter dem des pseudonymen Bearbeiters H. W. Georg erfasst wurde, über den wir schlichtweg gar nichts wissen. Die Adressbücher [Berlin] kennen ihn ebenso wenig wie die zeitgenös­sischen biografischen Lexika (z. B. Brümmer).

Verkaufsanzeige Liebau
Börsenblatt, 03.11.1894
Seite 6880

Noch im selben Jahr (zum 1. November) wurde der Liebau-Verlag an A[ugust] Weichert in Berlin ver­kauft [Börsenblatt]. Deshalb sind in den National­bibliografien die eigentlich auf Liebau zurückgehen­den Novitäten des Jahres 1894 unter A. Weichert er­fasst. Die Weiterführung des Liebau-Programms er­folgte bei Weichert mit neuem Impressum, weshalb die Liebau-Ausgaben des Jahres 1894 Raritäten ersten Ranges sind. Und obwohl ich selbst kein einziges Ex­emplar besitze, können gleich drei verschiedene Farbvarianten des „Karawanenwürgers“ do­kumentiert werden, die auch der versierte Sammler wohl noch nicht zusammen gesehen hat:

KMV-Reprint
KMV-Reprint

Die Abbildungen für die rote und die hellgraue Vari­ante haben mir freundlichenweise Christoph Blau und Stefan Schmatz zur Verfügung gestellt. Der Nachweis der blauen Version, die offensichtlich dem Karl-May-Verlag 1987 für seinen Reprintband als Vorlage diente, gelang durch eine entsprechende Ein­lieferung zu einer Auktion der Karl-May-Gesellschaft [Hermesmeier]. Die Abbildung bei Hainer Plaul [DB 26] nach einem Exemplar aus der Sammlung von Stefan Wunderlich sieht nach einem fast weißen Ein­band aus, hat sich aber nach einer Rückfrage durch Stefan Schmatz [S. 80] beim Eigentümer als eine hellgraue Variate (wie oben) herausgestellt. Es könn­te dennoch weitere Farbvarianten gegeben haben. Lassen wir kurz die Bibliografie folgen:

Autor:anonym
Titel:Der Karawanenwürger und andere Erzählungen.
Untertitel:Erlebnisse und Abenteuer zu Wasser und zu Lande.
Ausstattung:Mit 5 Buntdruckbildern.
Sammelband:
  1. Der Karawanenwürger. Von Karl May.
  2. Im wilden Westen. Eine Erzählung aus dem Leben der Grenzer von E[mma] Pollmer [d. i. Karl May].
  3. Ein Kampf mit Piraten. [Von Peter Parley, d. i. Samuel Griswold Goodrich; Übersetzung zugeschrieben: Arthur Wollbrandt].
  4. Ein Abenteuer in Südafrika. Von Emma Pollmer [d. i. Karl May].
  5. An Bord der Schwalbe. Von Karl May.
  6. Der Brand des Ölthals. Ein Abenteuer aus den Vereinigten Staaten. Von Karl May.
  7. Die Rache des Ehri. Ein Abenteuer aus dem südlichen Polynesien von Emma Pollmer [d. i. Karl May].
Ort:Berlin.
Verlag:Verlag von H[ugo] Liebau.
Jahr:[1894]
Format:Farbig illustrierte Leinwand mit Titelgoldprägung; 8º (20,5 × 14,2 cm)
Kollation:127 (1) Seiten; farbiges Frontispiz und 4 weitere chromolithografierte Bildtafeln
Vgl. Plaul 257 und Hermesmeier/Schmatz UA5.1 T1

Bildtafeln:

Die Tafel 2 „Im fernen Westen“ war bei Weichert später der Streichkandidat. Die übrigen vier wurden über Jahre weiterverwendet, allerdings bei Neudrucken unter Verzicht auf den roten Rahmen.

Den zweifellos genau so seltenen „Sigismund Rüstig“ habe ich in einem ramponierten Exem­plar auf einem Berliner Flohmarkt erbeuten können. Gönnen wir uns auch hier zunächst ei­nen Blick auf die bibliografischen Daten:

Autor:Marryat, Frederich
Titel:Sigismund Rüstig oder Der Schiffbruch des Pacific.
Untertitel:Eine Erzählung für die Jugend nach Kapitän Marryat von H. W. Georg.
Ausstattung:Mit 5 Buntdruckbildern.
Ort:Berlin.
Verlag:Verlag von H[ugo] Liebau.
Jahr:[1894]
Format:Leinwand mit montiertem farbigen Deckelbild; Gr.-8º (22,5 × 15,5 cm)
Kollation:135 (1) Seiten; farbiges Frontispiz und 4 weitere chromolithografierte Bildtafeln

Bildtafeln:

Bei diesem Band war es die Tafel 4, auf die Weichert künftig meist ver­zichtete. Die Übrigen wurden noch lange weiterverwendet.

Auf den einschlägigen Antiquariats-Plattformen ist von beiden Büchern erwartungsgemäß nichts zu sehen. Dass sie – abgesehen vom Erscheinungsdatum – bei Liebau noch nicht viel gemeinsam hatten, wird durch folgenden Direktvergleich offensichtlich:

Liebau Vergleichsbild

Waren schon die Bildbeigaben stilistisch sehr unterschiedlich, so kommt hinzu, dass bei Lie­bau „Der Karawanenwürger“ (Verlagsnummer 81) ein kleineres Format hatte, dafür aber mit einem durch mehrfarbige Prägung aufwändiger hergestellten Vorderdeckel daher kam, wo­hingegen „Sigismund Rüstig“ (Verlagsnummer 22) mit einem separat gedruckten Papierbild Vorlieb nehmen musste. Der Rechtsnachfolger Weichert war sehr um Vereinheitlichung auf niedrigem Niveau bemüht: Unter Beibehaltung des Satzspiegels wurde das Format des „Ka­rawanenwürgers“ auf das Maß des größeren „Sigismund“ (und weiterer Bände) angepasst und erhielt folge­richtig einen neuen Einband mit montiertem Deckelbild.

Mit „Sigismund“ wiederum konnte man es sich sehr viel einfacher machen: Der Einband wurde mit neuer Bestellnummer (151) übernommen, nur hat man den unteren Rand des De­ckelbildes etwas beschnitten, sodass die inzwischen ungültige Verlagsangabe verschwand:

DB-Vergleich 1894 Weichert

Hier beginnt die enge Verwandschaft beider Titel. Auch die neuen Bestellnummern des Ver­lags (149 und 151) lagen nun dicht beieinander. Die Textblocks blieben unangetastet (trotz des ehedem unterschiedlichen Formats). Die Titeleien hingegen wurden korrigiert. Beim „Karawanenwürger“ wurde sie komplett neu gesetzt und damit auch modernisiert. Hier der Direktvergleich Liebau–Weichert:

Titelblattvergleich Karawanenwürger
Links: Plaul 257 | Rechts: Plaul 264.1

Die neue Titelei von Weichert aktualisierte das Impressum und verzichtete auf Informatio­nen zu den Bildbeigaben (wenn man nichts verspricht, kann sich kein Kunde über Fehlendes beschweren). Das größere Format wurde dabei nicht ausgenutzt. Die Titelkolumne hätte sich auch für das kleinere Format geeignet. Da ja auch der Satzspiegel des Buches unverändert blieb, wollte man sich möglicherweise zunächst Optionen für eine kleine Edition offen hal­ten. Beim Titelblatt zu „Sigismund Rüstig“ hat man es sich erkennbar leichter gemacht, in­dem man die alte Titelkolumne mit wenigen Korrekturen einfach weiterverwendete:

Titelblattvergleich Sigismund

Die Typografie erschien offenbar modern genug. Es verschwand eine Zierlinie, die Verlags­angabe wurde aktualisiert. Und man empfand es offenbar nicht einmal als peinlich, die Zif­fer „5“ aus der Ausstattungszeile zu entfernen (wie auch den abschließenden Punkt), ohne die entstandenen Lücken durch Zusammenrücken wieder auszugleichen.

Diese handwerkliche Schlamperei war kein Einzelfall, wie wir später noch sehen werden, und es handelte sich auch nicht um einen Fauxpas, den man sich irgendwann zu korrigieren bemühte, denn, wie man sieht, stand mir kein frühes Weichert-Exemplar mit der Adresse Andreasstraße 32 zur Verfügung. Die Neue Königstraße 9 war erst ab 1. April 1896 aktuell [vgl. Plaul 264.2+3]. Den Fehler schleppte man demnach ungerührt auch bei weiteren Ste­reotypnachdrucken mit durch. Die Streichung der Ziffer wurde vorgenommen, weil Wei­chert von vornherein die Zahl an Bildbeigaben – für beide Titel übrigens – auf vier reduzie­ren wollte. Aus ökonomischen Gründen war die ‚krumme‘ Zahl fünf von Anfang an unsym­pathisch. Wie hätte man die Druckstöcke für fünf Abbildungen auf einem Bogen platzieren sollen?

Ab 1896 schloss man der „Karawanenwürger“-Sammlung mit eigenem Zwischentitelblatt ei­ne nicht dazugehörige Erzählung an, wodurch man in der Angleichung einen weiteren Schritt voran kam, nämlich beim Umfang, der sich offenbar 10 Bogen (= 160 Seiten) annä­hern sollte:

Autor:anonym
Titel:Der Karawanenwürger und andere Erzählungen.
Untertitel:Erlebnisse und Abenteuer zu Wasser und zu Lande.
Sammelband:
  1. Der Karawanenwürger. Von Karl May.
  2. Im wilden Westen. Eine Erzählung aus dem Leben der Grenzer von E[mma] Pollmer [d. i. Karl May].
  3. Ein Kampf mit Piraten. [Von Peter Parley, d. i. Samuel Griswold Goodrich; Übersetzung zugeschrieben: Arthur Wollbrandt].
  4. Ein Abenteuer in Südafrika. Von Emma Pollmer [d. i. Karl May].
  5. An Bord der Schwalbe. Von Karl May.
  6. Der Brand des Ölthals. Ein Abenteuer aus den Vereinigten Staaten. Von Karl May.
  7. Die Rache des Ehri. Ein Abenteuer aus dem südlichen Polynesien von Emma Pollmer [d. i. Karl May].
Angebunden:Auf dem Rio Gila. Eine Erzählung aus dem Südwesten der vereinigten Staaten von Amerika von Heinrich Walden.
Ort:Berlin O.
Verlag:Druck und Verlag von A[ugust] Weichert
Jahr:[1896]
Format:Halbleinwand mit montierter farbiger Deckelillustration; 8º (22,2 × 17 cm)
Kollation:159 (1) Seiten; farbiges Frontispiz und 3 weitere chromolithografierte Bildtafeln
Vgl. Plaul 264.2 und Hermesmeier/Schmatz UA5.2 T1

Mariagen ab 1900

Es ist nicht überliefert, wer die Idee geboren hat, neue Bücher dadurch zu schaffen, dass man schon vorhandene einfach kombinierte. Möglicherweise wurde dieses Vorgehen dadurch be­fördert, dass eine Rechtschreibreform vor der Tür stand, die einen Neusatz des gesamten Programms erforderlich machte, jedenfalls des überwiegenen Teils davon, der sich speziell an die Jugend wandte. Wechselnde Titel und veränderte äußere Gestaltung bei gleichem In­halt täuschten eine Vielfalt nur vor, hatten aber das Potential, mehr Kunden für die alten In­halte anzusprechen.

Auf der Prairie

Ab 1900 gab es unter dem Titel „Im wilden Westen“ zum ersten Mal eine Mariage aus „Sigismund Rüstig“ und „Der Karawanenwürger“. Zur Geschichte dieser Edition verweise ich auf einen gesonderten Beitrag in diesem Blog. Ab 1904 – die neuen Rechtschreibre­geln waren längst in Kraft getreten – gab es unter dem ebenso allgemeinen wie nichtssagenden Titel „Auf der Prairie“ [Plaul 353 und Hermesmeier/Schmatz UA5.6] einen weiteren Abverkaufsversuch im Doppelpack, diesmal im zu Titel und Inhalt in kei­ner Weise passenden floralen Jugendstil-Dekor. Ein Exemplar ist mir nie in die Hände gekommen, sodass ich mangels Masse über die Edition nichts Neues mitteilen kann. Die zugegebenermaßen schlecht aufgelöste Abbildung biete ich nebenstehend nur colorandi causa an.

Einzelbände ab 1903

Bei der äußeren Gestaltung der Einzelausgaben von „Der Karawanenwürger“ und „Sigis­mund Rüstig“ ergaben sich nach der Jahrhundertwende keine Veränderungen, wenn man davon absieht, dass „Sigismund“ wieder die Bestellnummer 22 bekam, die er schon bei Lie­bau hatte. Ob dies Irrtum, Schlamperei oder Absicht war, kann ich vorläufig nicht klären:

Bildvergleich Weichert 1903

In beiden Bänden wurden ebenfalls die je vier bisherigen Bildtafeln weiter verwendet. Die Blocks beider Bände erfuhren jedoch einen durch die Recht­schreib-Reform bedingten Neusatz. Die Ergebnisse der II. Orthographie-Kon­fe­renz von 1901 wurden per Erlass amtlich und somit für Behörden ab 1. Januar 1903, für Schulen ab 1. April 1903 verpflichtend – mit entsprechenden Folgen für Jugendbücher. Der Umfang von „Sigismund Rüstig“ stieg dabei leicht von 135 auf 142 Seiten.

Beim „Karawanenwürger“ gingen die Än­de­rungen etwas weiter. Dadurch dass man den Satzspiegel endlich auf das große Format an­passte, hatte man so viele Seiten eingespart, dass das Er­geb­nis ein zu dünnes Buch gewesen wäre. So ergänzte man die in neuer Reihenfolge wieder auf­ge­nom­menen alten Einzelerzählungen (einschließlich „Auf dem Rio Gila“ von Hein­rich Walden) um eine neue: „Die Sklavenjäger von Lindi“ von Ludwig Foehse. So ergab sich mit 155 Seiten fast wieder der vorherige Gesamtumfang. Die Titeleien beider Bände zeigen in Typografie und Aufteilung nun auch deutlich ihre Verwandschaft:

Weichert 1903 Titeleien
Links: Vgl. Plaul 264.7 und Hermesmeier/Schmatz UA7.1

Mariagen ab 1911

Einige Jahre später griff man nochmals die Idee von 1900 auf, beide Bände vereint herauszu­geben, diesmal allerdings unter veränderten Vorzeichen: Einerseits stand nicht der Abver­kauf alter Bestände im Vordergrund, und andererseits hatte sich herausgestellt, dass sich „Si­gismund Rüstig“ besser verkauft hatte als „Der Karawanenwürger“, weshalb man 1911 nicht noch einmal einen neutralen Titel wählte, sondern den verkaufsträchtigen „Sigismund Rü­stig“ auch für das Tandem verwendete.

Impressum Weichert

Das Titelblatt der Einzelausgabe wurde weiterverwendet (Veränderungen beim Impressum hat es fortlaufend gegeben und sind deshalb nicht überzubewerten). Hier im Direktvergleich die Titeleien der Einzelausgabe (links) und der Mariage (rechts):

Sigismund Rüstig 1911 Ti-Vergleich
Rechts: Vgl. Plaul 558 und Hermesmeier/Schmatz UA7.3 T2

Die schwächere Bewertung des „Karawanenwürgers“ durch den Verlag äußerte sich nicht nur in der Wahl des Titels, sondern auch in der Art wie der May-Band angebunden wurde, denn tatsächlich übernahm man nur Zweidrittel (sechseinhalb von zehn Bogen) der Einzel­ausgabe, indem man die letzten beiden Erzählungen einfach unterschlug. Das entsprechend innerhalb des Satzes verkürzte Inhaltsverzeichnis macht das deutlich:

Sigismund Rüstig 1911 In-Vergleich

Äußerlich spendierte man eine neue Gestaltung, die mit anderen Titeln aus dem Hause Weichert korrespondierte. Der Vorderdeckel wurde stark geprägt, sodass sich ein deutlich fühlbares Relief ergab. Bei der Rückenbeschriftung kamen drei unterschiedliche Schriftgrade zum Einsatz. Die Textur des Bezugspapiers war unterschiedlich stark kontrastiert. Abgenutz­te Präger führten bei späterer Herstellung zu etwas breiteren Linien in der Deckelzeichnung:

Sigismund Rüsting 1911

Es ist davon auszugehen, dass es über den Zeitraum weniger Jahre immer wieder zu Stereo­typnachdrucken kam, die manchmal, aber wohl nicht immer, an kleineren typografischen und inhaltlichen Veränderungen des Impressums unterscheidbar sind (vgl. Hermesmeier/Schmatz UA7.3 T1–3, T6–7). Zeitgleich entstanden Mitdrucke für Großkunden, die genauer nicht zu datieren sind, zumal sie keinerlei Indizien für ein signifikant späteres Erscheinen als die Weichert-Grundedition von 1911 aufweisen:

Impressum Rob. Bachmann

Sigismund Bachmann

Eine Edition der Mariage für „Rob. Bachmann, Berlin C.19“ hat bereits Hainer Plaul [563] nachgewiesen und mit der Datierung „Vermutlich frühestens ab 1912“ versehen. Tatsächlich gibt es kein beweiskräfti­ges Argument gegen ein mögliches Erscheinen schon 1911. Aus Mangel an überzeugenden Belegen bleibe ich daher beim frühest möglichen Ankerdatum 1911, was auch für die noch zu beschreibenden Paralleldru­cke gilt. Hermesmeier/Schmatz [UA7.3 Tx] haben konsequent jeder Versuchung widerstanden, Vermu­tungen oder Spekulationen zum tatsächlichen Er­scheinungszeitpunkt zu verzeichnen.

Gönnen wir uns noch einen Blick in die Adressbücher [Berlin]. Die „Buchh[an]dl[un]g Engr[os]“ Rob. Bachmann (Inhaber: Robert Bachmann und Robert Schreiber), im Branchen­verzeichnis in den Rubriken ‚Reisebuchhandlungen‘ und ‚Sortimentsbuchhandlungen‘ auf­geführt, finden wir im Jahrgang 1910 noch im selben Postbezirk wie A. Weichert (Berlin NO 43), in der Linienstraße 1, wo Robert Bachmann auch seinen Wohnsitz hatte. Eine Ge­schäftsbeziehung könnte sich aufgrund persönlicher Bekanntschaft ergeben haben. Jahrgang 1911 der Berliner Adressbücher dokumentiert einen Umzug der Firma in die Wallstraße 17–18 (Berlin C 19), die mit der Titelei des „Sigismund Rüstig“ korrespondiert. Die neue An­schrift blieb über viele Jahre unverändert und hilft daher nicht bei der zeitlichen Abgrenzung der Buch­ausgabe.

Ergänzend kann noch mitgeteilt werden, dass die Firma Robert Bachmann ein langjähriger Vertriebspartner des Karl-May-Verlags war. Dieser hat in den Jahren von 1929 bis 1934 re­gelmäßig im Börsenblatt ganzseitig eine Liste seiner Auslieferungsstellen veröffentlicht – zumeist in der Hochphase des Weihnachtsgeschäfts. Bachmann ist immer mit dabei.

Impressum Verlag Deutsche Jugend

Bei Plaul erstaunlicherweise nicht erfasst, obschon seit langem bekannt, ist ein weiterer Mitdruck für den real wahrscheinlich nicht existenten Verlag Deutsche Jugend, den die Adressbücher [Berlin] jedenfalls nicht verzeichnet haben. Für Plauls Verzicht könnte diese Mutmaßung von Heinz Mees verantwortlich sein:

Eine identische Ausgabe erschien vermutlich nach 1912 mit der Verlags­bezeichnung: Verlag Deutsche Jugend, Berlin SW. Vermutlich steht dahinter der Weichert-Verlag, der aus vertriebstechnischen Gesichtspunkten dieses “Pseudo­nym” wählte.

Mees [S. 25]
Verlag Deutsche Jugend
Hermesmeier/Schmatz UA7.3 T5

Eine nach 1912 erschienene Edition hätte nicht mehr in den vorgegebenen Berichtszeitraum gepasst. Ein zweimaliges „vermutlich“ und ein nachmaliges „ver­triebstechnisch“ (ein Mediziner hätte „idiopathisch“ gesagt) sollten nur verschleiern, dass Heinz Mees überhaupt nichts wusste, und die Kenntnislage hat sich seither auch nicht verbessert. So hat sich aller­dings auch kein Argument ergeben, das gegen die Pa­rallelität der verschiedenen Titelauflagen des Wei­chert-Verlags spräche. Das gilt auch für zwei weitere Mitdrucke, die in der Sekundärliteratur bisher nicht aufgeführt sind:

Impressum Heilbrunn & Co.

Heilbrunn

Zum einen hätten wir da eine Edition des immer glei­chen Sammelbandes vom „Verlag Heilbrunn & Co., G. m. b. H. Berlin W. 30.“, den die Adressbücher [Berlin] tatsächlich kennen. Firmensitz war Schwä­bische Straße 25 in Berlin W 30 (Schöneberg). Die Geschäftsführer waren Sally Simon und Hermann Heilbrunn. Unter der gleichen Anschrift findet sich die Verlagsbuchhandlung J. Gnadenfeld & Co., deren Inhaber zu diesem Zeitpunkt ebenfalls Sally Simon war. Der neu nachgewiesene „Sigismund Rüstig/Ka­rawanenwürger“-Sammelband unterscheidet sich in Aussehen, Material und Druckbild nicht von den bis­her genannten.

Impressum „GE“ ↔ „EG“

Budapest

Eine weitere neu entdeckte Parallelausgabe, die mir dankenswerterweise Markus Böswirth leihweise zur Verfügung gestellt hat, belegt, dass Weichert nicht nur Großkunden in Berlin hatte. Hier geht es sogar ins Ausland, nach Budapest. Die konkrete Adresse ist genannt, wenn sich auch anstelle einer ordentlichen Verlagsangabe nur ein aus zwei in der Reihenfolge indifferenten Initialen bestehendes Monogramm fin­det. Wieder mit Unterstützung alter Adressbücher [Budapest] ließ sich ermitteln, dass sich unter der angegebenen Anschrift die Druckerei des renommier­ten Athenæum-Verlags fand, der von 1896 bis Mitte der Dreißigerjahre immer wieder Karl May-Überset­zungen ins Ungarische publiziert hat.

Das Monogramm passt wunderbarerweise zu dessen Direktor Gustav Emich, resp. Emich Gusztáv in ungarischer Schreibweise, sodass ich in einer früheren Version dieses Beitrags ihm das Monogramm zugeschrieben habe. Kürzlich konnte ich allerdings die schwer zu be­kommende Bibliografie der ungarischen May-Ausgaben erwerben, die im Jahr 2005 von Schneller Károly (Karl Schneller) als These an der Universität Budapest vorgelegt wurde und von der nur wenige private Abzüge existieren.

Dort werden zur bekannten zeitgenössischen May-Edition des Athenæum-Verlags wenige Titelauflagen bildlich präsentiert, unter anderem auch mit dem obi­gen Monogramm „EG“ und ordentlicher Verlagsan­gabe: „Eisler G[ábor] kiadóhivatala“ [= Verlagsbüro Gábor Eisler], woraus sich die si­chere Auflösung des Monogramms zwang­los ergibt. Der hier ursprünglich geschilderte Zusammenhang der Weichert-Ausgabe mit dem Athenæum-Verlag war also nicht gänzlich falsch. Möglicherweise war Eisler nur ein Imprint und existierte als selbstständige Firma überhaupt nicht, ein Konzept das wir ja auch von Weichert sehr gut kennen. Sollten sich in Zukunft neue Erkenntnis­se ergeben, werden sie an dieser Stelle ergänzt.

Aufbrauchedition Weichert

Eindeutig später dürfte diese bei Hermesmeier/Schmatz nicht verzeichnete Aufbrauch-Aus­gabe zu datieren sein, die in der Titelei nicht mehr auf die neue Rechtschreibung hinwies und sich auch nicht mehr auf die bislang gültigen vier Bildtafeln festlegen wollte. Es ging wohl darum, die letzten noch vorhandenen Chromotafeln unterzubringen. Das lithografische Druckverfahren hatte sich in der Massenfertigung überlebt und war der weniger aufwändi­gen Autotypie gewichen, dem Vorläufer des Offsetdrucks, sodass nicht mehr durch Nach­druck einzelner Tafeln der Bestand ergänzt wurde. In der entsprechenden Ausstattungszeile auf dem Titelblatt (rechts) klafft erneut ein Loch, weil man ein Zahlwort entfernt hatte. Hier im Direktvergleich mit dem Titelblatt von 1911 (links):

Weichert 1918 - Ti Vergleich
Links: Hermesmeier/Schmatz UA7.3 T2 | Rechts: Nicht bei Hermesmeier/Schmatz

Enthalten sind von den ehemals vier Chromolithografien nur noch diese zwei:

Dabei ist zu bedenken, dass für den Befund nur ein einziges exemplarisches Belegstück zur Verfügung stand. Wegen des verbliebenen Plurals in der Titelei ist zwar davon auszugehen, dass alle Aufbrauchbände dieser Tranche über mindestens zwei Tafeln verfügten, wobei Un­terschiede in Anzahl, Auswahl und Positionierung aber nicht ausgeschlossen werden kön­nen.

Weichert 1918 Einband

Der Einband ist nicht mehr reliefartig geprägt, son­dern erstmals glatt bedruckt (lediglich die schwarze Zeichnung weist noch leichte Vertiefungen auf). Da­mit fungiert diese bislang unbekannte und vermutlich aus der Zeit zu Ende des Ersten Weltkriegs stam­mende Aufbrauchedition als eine Art missing link zu den weiter unten beschriebenen Ausgaben aus den Zwanzigerjahren. Leider kenne ich davon nur dieses reparierte Exemplar mit erneuertem Rücken und er­setzten Vorsätzen, sodass nicht mehr bestimmbar ist, ob es ehemals ein Exemplar in Halbleinwand oder – wahrscheinlicher – ein Pappband war. Letzteres wür­de immerhin zwanglos den fehlenden Rücken erklä­ren: Pappbände aus Weichert-typisch minderwertigen Materialien hatten notorisch schwa­che Außengelenke, die auch bei normalem Gebrauch zum Platzen neigten.

Einzelbände Anfang/Mitte der Zwanzigerjahre

Zu Beginn der Zwanzigerjahre fing Weichert damit an, sein gesamtes Programm zu moder­nisieren, wovon die Textblocks aber ausgeschlossen blieben. Einbände und Illustrierung wurden erneuert und die Titelseiten neu gestaltet. Wegen der Beschaffung von Bildtafeln bei einer sehr überschaubaren Zahl von Illustratoren, ist davon auszugehen, dass sich der Pro­zess über Jahre hinzog und man von der Gleichzeitigkeit nicht grundsätzlich wird ausgehen können. Sowohl bei „Sigismund Rüstig“ als auch bei „Der Karawanenwürger“ übernahm das Max Wulff, der Bildtafeln und die Deckelillustration beisteuerte. Obwohl gegenüber frühe­ren Ausgaben gespart wurde, indem man die Zahl von ehemals fünf, lang gewesenen vier Bildtafeln nun weiter reduzierte, so zeigt sich dennoch eine höhere Wertschätzung durch den Verlag beim „Sigismund Rüstig“, der mit immerhin noch drei mehrfarbigen Illustratio­nen bestückt wurde, wohingegen sich „Der Karawanenwürger“ mit nur zwei duotonen Ta­feln begnügen musste.

Dabei wiesen frühere Drucke dieser Bände auf der Titelei einen Zierrahmen auf, auf den bei Nachdrucken dann wieder verzichtet wurde. Dieses Phänomen lässt sich sowohl beim „Ka­rawanenwürger“ als auch zum Beispiel bei „Der Waldläufer“ beobachten. Einen „Sigismund Rüstig“ konnte ich mit Zierrahmen bisher nicht nachweisen, weshalb dieser möglicherweise erst später fertig wurde. Weitere Indizien für ein früheres oder späteres Erscheinen sind die Buchbreiten. Zunächst stimmten sie noch mit früheren Ausgaben überein (ca. 16,5 cm), wur­den aber schon bald um 1 cm verkürzt). Auch die Schriftgrößen auf dem Rücken änderten sich. Nach diesen Kriterien bemühe ich mich nachfolgend um eine nicht näher bestimmbare chronologische Einordnung innerhalb eines Zeitraums von etwa 1921 bis 1927:

Buchbreite 16,5 cm – Titelei mit Zierrahmen

Zu dieser wohl frühesten Variante liegen mir zwei in der Einbandfarbe unterschiedliche Be­lege vor, die endlich auch den Namen des Co-Autors Karl May als werbeträchtig erkannten:

Karawanenwürger 1921 EB

Mit beiden Versionen korrespondieren nachfolgende Titelblätter:

Karawanenwürger 1921 TI
Links: Nicht bei Hermesmeier/Schmatz | Rechts: Hermesmeier/Schmatz UA7.2 T1

Sieht man gnädig von der ästhetisch zu rügenden Widmung und dem nicht weniger hässli­chen Stempel ab, so unterscheiden sich die Titeleien nur beim Impressum. Da das rechte im Folgenden weiter verwendet wurde, dürfen wir die linke Version wohl als die etwas frühere annehmen.

Diese Bildtafeln nach Max Wulff, mit denen die Ausgabe künstlerisch durchaus gewann, waren beiden hier beschriebenen wie auch allen späteren Editionen des „Karawanenwür­gers“ beigegeben:

Karawanenwürger 1924 TI
Hermesmeier/Schmatz UA7.2 T1

Buchbreite 15,5 cm – Titelei mit Zierrahmen

Mit unveränderter Titelei (diesmal kann ich einen sauberen Beleg dokumentieren) bei schmalerem De­ckel gab es wieder verschiedene Einbandfarben. Die zweite Bildtafel nach Wulff findet sich konsequent gegenüber Seite 64. Auch die Rückenprägung blieb die gleiche. Insgesamt also nur wenige Veränderun­gen, aber immerhin diese: Die etwas schmalere Anla­ge der Deckel machte es erforderlich, die das mon­tierte Bild umgebende Rahmenprägung anzupassen:

Karawanenwürger 1924 EB

Buchbreite 15,5 cm – Titelei ohne Zierrahmen

Sieht man davon ab, dass das Titelblatt keinen Zierrahmen hatte, stimmte die nun vorzustel­lende Ausgabe des „Sigismund Rüstig“ mit der zuvor beschriebenen Kategorie überein. Die Einbandfarbe passt und auf dem Vorderdeckel fand dieselbe Rahmenprägung Anwendung wie unmittelbar zuvor bei „Der Karawanenwürger“. Etwas merkwürdig ist die Rückenprä­gung mit der von unten nach oben laufenden Schrift. Bei den bisherigen Bänden war das umgekehrt:

Sigismund 1925

Zu zeigen sind noch die drei neuen Wulff’schen Bildtafeln, von denen versierte May-Samm­ler die dritte kaum kennen werden:

Von dieser Edition leiten sich wieder einmal Mariagen ab, die ein Intermezzo bilden:

Mariagen Mitte der Zwanzigerjahre

Die Idee, „Sigismund Rüstig“ und „Karawanenwürger“ kombiniert herauszugeben, wurde wie­der aufgegriffen, in optisch sehr ähnlicher Weise wie schon zuletzt. Die Deckelillustra­tion wurde auf grüner Halbleinwand übernommen. Das Tandem erhielt in der Titelei zur Kennzeichnung den Zusatz „Große Ausgabe“. Der „Karawanenwürger“-Anhang enthielt bei­de Bildtafeln nach Max Wulff.

Impressum Weichert

Innerhalb des Haupttitels „Sigismund Rüstig“ fanden allerdings nur die ersten beiden Tafeln eine Wiederaufnahme (als Frontispiz und gegenüber Seite 64). Das gilt jedenfalls für alle mir bekannten Exemplare der Weichert-Edition:

Mariage Weichert 1925
Hermesmeier/Schmatz UA7.4

Impressum Dammann & Rauch

Erfreulicherweise gibt es hier die Gelegenheit, eine Parallelausgabe mit bislang unbekann­tem Impressum von Dammann & Rauch aus Frankfurt vorzustellen, die im Marryat-Teil tat­sächlich alle drei zugehörigen Bildtafeln nach Max Wulff enthielt

Nicht bei Hermesmeier/Schmatz

Die Adressbücher [Frankfurt] weisen erstmals 1920 eine ‚Grossobuchhandlung und Ver­lag‘ dieses Namens nach, mit Sitz in der Kronprinzen-Straße 39, ab Jahrgang 1922 als ‚Gros­sobuchhandlung‘, ab Jahrgang 1926 als ‚Großbuchhandlung‘, im Jahrgang 1927 nur noch als ‚Papiergroßhandlung‘, bis dahin mit unveränderter Adresse. Im Jahrgang 1928 verlagerte sich der Firmensitz an die Wohnanschrift des Firmeninhabers Heinrich Dammann, Wind­mühlstraße 12, und findet sich im Jahrgang 1929 unter gleicher Anschrift mit veränderter Firmierung als „Dammann & Co.“. 1930 schließlich scheint die Firma erloschen zu sein. Heinrich Dammann blieb unverändert dort wohnen, aber nur noch als einfacher ‚Kauf­mann‘. Alles in allem eine kurzlebige Unternehmung, die innerhalb ihrer Gründungsphase die Inflationszeit noch überstand, aber in der Weltwirtschaftskrise unterging. Nach dem sich hier auftuenden Zeitrahmen muss die für Frankfurt hergestellte Mitdruckausgabe vor 1927 entstanden sein.

Einzelbände Mitte/Ende der Zwanzigerjahre

Impressum Neuer Jugendschriften-Verlag

In unmittelbarem Zusammenhang zur gerade eben beschriebenen Mariage entstand diese Einzelausgabe des „Sigismund Rüstig“ für den in Leipzig ansässigen Neuen Jugendschriften-Verlag. Ein Indiz dafür ist die in der Titelei wohl irrtümlich stehengebliebene Markierung als „Große Ausgabe“. Bei unveränderter Rückenprägung kleidete man diese Ausgabe in sand­grüne Halbleinwand mit einer neuen Umschlagillustration nach Hermann Tischler, die je­doch nicht montiert, sondern direkt auf das Bezugspapier gedruckt wurde. Die Leipziger Ausgabe enthielt nur die ersten beiden Bildtafeln nach Max Wulff (als Frontispiz und gegen­über Seite 64).

Sigismund Leipzig 1

Mit gleichem Impressum, jedoch ohne den Zusatz „Große Ausgabe“ folgte eine weitere Edi­tion, wieder in sandgrüner Halbleinwand, wieder mit nur zwei Bildtafeln an gleicher Posi­tion. Die Deckelillustration wurde durch eine neue desselben Künstlers ersetzt:

Sigismund Leipzig 2

Für beide hier beschriebenen Einband-Neuerungen gibt es kein Pendant beim „Karawanen­würger“. Auch ließ sich dieses Impressum für den May-Band nicht nachweisen. Nehmen wir das als erstes Anzeichen dafür, dass Weichert das Interesse an diesem Titel zu verlieren be­gann. Interessant ist allerdings der Name des Leipziger Großkunden, denn als Weichert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Hannover umzog, gründete der Verlag dort einen Imprint mit genau dieser Bezeichnung. Von etwa 1963 bis 1971 brachte der Neue Ju­gendschriften-Verlag Hannover eine stark bearbeitete May-Werkausgabe auf den Markt. Möglicherweise war dies auch schon in den Zwanzigerjahren ein Weichert-Imprint, denn die Adressbücher [Leipzig] konnten zur Auffindung des Unternehmens leider keine Infor­mationen liefern.

Impressum Drei Türme Verlag

Zeitlich genau zwischen die beiden Leipziger Phänotypen dürfte diese Ausgabe aus Ham­burg einzuordnen sein, denn einerseits weist sie noch das unsinnige Prädikat „Große Aus­gabe“ auf der Titelei auf, verwendet aber andererseits schon das zweite Deckelbild nach Her­mann Tischler:

Drei Türme

Genau wie die Leipziger Ausgaben verwendet diese aus Hamburg nur zwei der drei Tafeln nach Max Wulff. Und ebenso wie dort ist hier keine entsprechende „Karawanenwürger“-Ausgabe nachweisbar. Wundern wir uns noch, dass die Adressbücher [Hamburg] einen Drei Türme Verlag nicht kennen?

Schmaler Rücken

Die nun folgende Unterkategorie zeichnet sich durch dünneres Papier aus. Das führte zu so schmalen Bänden, dass die alte Rückenprägung nun nicht mehr passte und durch eine neue in kleinerem Schriftgrad ersetzt werden musste. Am Textblock änderte sich weiterhin nichts. Aber die Rahmenprägung auf dem Vorderdeckel erfuhr eine Variation. Beginnen wir mit dem „Karawanenwürger“ in immer noch roter Einbandfarbe, dafür aber erstmals ohne Zier­rahmen auf dem Titelblatt. Die Wulff’schen Bildtafeln finden sich unverändert als Frontispiz und gegenüber Seite 64. Es dürfte sich hierbei um die letzte Einzelausgabe des „Karawanen­würgers“ mit Weichert-Impressum handeln.

Karawanenwürger 1926
Hermesmeier/Schmatz UA7.2 T2

Impressum Rhein-Elbe-Verlag

Es ist aber noch über bisher unbekannte Mitdrucke zu berichten. Sie erfüllen alle Kriterien der letzten Kategorie: Schmaler Rücken mit kleinerer Beschriftung, dieselbe Bildeinfassung auf dem Vorderdeckel und Titelblätter ohne Zierrahmen:

Rhein-Elbe-Verlag Ti
Links: Nicht bei Hermesmeier/Schmatz

Die Einbandfarbe wechselte sowohl beim „Karawanenwürger“ als auch bei „Sigismund Rü­stig“ zu blau. „Sigismund Rüstig“ erhielt das schon aus Leipzig bekannte neue Deckelmotiv nach Hermann Tischler, hier allerdings in montierter Manier. Block, Tafeln und deren Posi­tionierung blieben unverändert:

Rhein-Elbe-Verlag EB

Spätestens hier beginnt man sich zu fragen, ob Weichert inzwischen die Einbandfarben be­stimmten Städten zugewiesen hat: rot für Berlin, sandgrün für Leipzig und blau für Ham­burg. Könnte zwar sein, aber dann nur kurzfristig, denn weiter geht’s in schweinchen-rosa:

Assad Bei beim Rhein-Elbe-Verlag

Assad Bei Tafel
Frontispiz

Im gerade eben erst mit einer Neuerung erwähnten Rhein-Elbe-Verlag erschienen gegen 1926/27 unter dem Titel „Assad Bei der Herdenwürger“ Auszugs­bände des „Karawanenwürgers“ mit dessen ersten drei Erzählungen, dem Weichert zwei neue Illustra­tionen des vielbeschäftigen Max Wulff gönnte, eine für den Vorderdeckel, eine als Frontispiz (wie neben­stehend). Hermesmeier/ Schmatz [UA8] war die Edition zwar bekannt; dennoch kann hier einiges er­gänzt werden. Zum einen gab es das schmale Bänd­chen mit zwei sich leicht unterscheidenden Varianten des Deckelbildes. Zum anderen war „Assad Bei“ in ein Reihenkonzept eingebettet. Als ein weiteres Bei­spiel zeige ich hier „Die Ansiedler von São Paulo“:

Hier zum Vergleich die Titelblätter beider Bände:

Titelblattvergleich Rhein-Elbe
Rhein-Elbe-Verlag Serie1
Liste der 10-bändigen Jugendschriften-Reihe

Insgesamt waren gleichzeitig 10 Titel mit unbe­schrifteten weißen Rücken, rosa Bezugspapier und montiertem Deckelbild herausgekommen, die jeweils einen Umfang von fünf Bogen (= 80 Seiten) hatten. „Die Ansiedler von São Paulo“ bringen am Schluss auf der unpaginierten Seite 79 die nebenstehende Listung der 10 Bände mit „Assad Bei“ an Position 5:

Schon 1928 hatte sich dieses Reihenkonzept aller­dings verändert und wesentlich erweitert. Es waren mittlerweile 20 Bände einer Reihe namens „Jugend­träume“ auf dem Markt, die mit Julius Emil Gaul so­gar einen eigenen Herausgeber hatte. Alle Bändchen hatten fünf Bogen (= 80 Seiten) Umfang, waren im Impressum datiert (man denke), hatten orange Lei­nenrücken und hellrotes Bezugspapier. Der Vorderdeckel brachte oben ein Titelfeld und da­runter ein farbiges Deckelbild. Hier ein Beispiel von 1928:

Isabella Braun
Ein Beispieltitel aus der Reihe „Jugendträume“
Rhein-Elbe-Verlag Liste2
Liste der neuen Reihe „Jugendträume“

Diese Reihe bestand zunächst aus 20 neuen Titeln, jedoch wurden die obigen 10 in unveränderter Rei­hung als deren Bände 41 bis 50 geführt. Die Zäh­lungslücke sollte in den kommenden Jahren wohl mit weiteren neuen Bänden gefüllt werden, bei denen das Versprechen „mit 2 bunten Bildern“ wohl auch einge­halten wurde, bei „Assad Bei“ allerdings nicht – bis zum Beweis des Gegenteils. Das Aussehen der rosa zehn wurde den hellroten führenden Reihenbänden wohl nicht angepasst. Nebenstehende Auflistung fin­det sich auf dem hinteren Innendeckel von Isabella Brauns „Jugend-Erzählungen“. Diese Zusammenhän­ge belegen, dass „Assad Bei“ vor 1928 erschienen sein muss. Mit dieser Edition war das Kapitel der „Kara­wanenwürger“-Ausgaben bei Weichert beschlossen.

Erschreckend ist das Preisniveau, bei dem man mittlerweile angelangt war: ein gebundenes Buch für 50 Pfennige. Der eine oder andere mag sich erinnern, dass das 1892 bei Fehsenfeld der Preis für ein einzelnes Karl-May-Lieferungsheft gewesen war.

Mariagen ab Ende der Zwanzigerjahre

Die Idee, mehrere Bücher zu einem neuen zu verheiraten, war bei Weichert noch immer nicht vom Tisch, nur war Karl May nicht mehr beteiligt. Die Einbandgestaltung wurde sogar wieder aufgegriffen, diesmal aber abweichend mit gelbem Rücken. Anstelle des „Karawa­nenwürgers“ wurden nun die schon von weiter oben bekannten „Sklavenjäger von Lindi“ von Ludwig Foehse angebunden, die 80 Seiten umfassten. Dem Karl-May-Sammler ist also dringend vom Erwerb dieser Edition abzuraten, wenn auch die bekannte Deckelillustration sehr zum Kauf verlockt:

Wieder einmal hat man den Titelzusatz „Große Ausgabe“ vergessen. Mein Exemplar trägt eine private Widmung von März 1929, in diesem Fall eine ganz nützliche Datierungshilfe. Die letzten Vorräte des Foehse-Textes waren wohl rasch aufgebraucht. Auf ihn folgte in der gleichen gelben Halbleinen-Decke „Der fliegende Holländer · Eine Erzählung für die Jugend von Kapitän Marryat · Deutsch von Karl Wildung“, der genau wie zuvor „Die Sklavenjäger von Lindi“ 80 Seiten umfasste. Immerhin stammten nun die verbundenen Bücher vom selben Verfasser. Und dieser Kombination gönnte Weichert in den Dreißigerjahren noch eine neu­gestaltete Decke mit korrigiertem Titelblatt, das diesmal wieder auf die „Große Ausgabe“ hinwies, wenn auch schief und verquetscht:

Mariage 193x

Diese Einbandillustration wurde noch 1960 bei einer Neuausgabe im Hause Weichert mit dem Untertitel „Abenteuerliche Fahrten eines Seemanns“ verwendet. Die Geschichte des „Si­gismund Rüstig“ en Detail weiterzuverfolgen lohnt an dieser Stelle aber nicht, weil sich wei­tere für die Karl-May-Bibliografie nützliche Querbezüge nicht mehr ergeben können. Gleich­wohl ist bei dem hier schon präsentierten Variantenreichtum damit zu rechnen, dass in Zu­kunft Belege mit neuen Abweichungen oder Impressen in die bestehende Systematik nachge­tragen werden müssen. Alle Beiträge in der Sekundärliteratur über die „Karawanenwürger“-​Ausgaben haben sich im Nachhinein als Zwischenbericht herausgestellt. Es gibt keinen Grund zu der Überzeugung, dass es diesmal anders sein könnte.

Wer immer über Buchausgaben verfügt, die er/sie in dieser Systematik vermisst, darf sich eingeladen fühlen, sich mit mir in Verbindung zu setzen und so zu einer Aktualisierung bei­zutragen. Einstweilen bedanke ich mich herz­lich bei Christoph Blau, Markus Böswirth und Stefan Schmatz für Abbildungen und Leihgaben.

Wolfgang Hermesmeier
Berlin, 21. Juli 2022
Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2023


Literaturverzeichnis

Adressbücher Berlin Berliner Adressbücher 1799–1970. Digitalisat der Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Adressbücher Budapest Budapesti Czim- és Lakásjegyzék 1880-1928. Digitalisat des Hungaricana Cultural Heritage Portal

Adressbücher Frankfurt Frankfurter Adressbücher. Digitalisat der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Adressbücher Hamburg Liste aller Bände. Digitalisat der Universität Hamburg

Adressbücher Leipzig Leipziger Adreß-Buch. Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

Börsenblatt Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel und die verwandten Geschäftszweige. Leipzig, Börsenverein der deutschen Buchhändler, 11. August 1894 [In diesem Artikel drei Anzeigen verwendet: [1] 61. Jahrgang, Nº 185, 11. August 1894, Seite 4796; [2] 61. Jahrgang, Nº 256, 3. November 1894, Seite 6880; [3] 96. Jahr­gang, Nº 282, 6. Dezember 1929, Seite 10653; [4] 101. Jahrgang, Nº 285, 7. Dezember 1934, Seite 5785. Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

Brümmer Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Sechste völlig neu bearbeitete und stark vermehrte Auflage. Achter Band. Wißmann bis Zyböri. Nachträge zum 1.–8. Band. Leipzig, Verlag von Philipp Reclam jun[ior], [1913]. Digitalisat von archive.org

‹ISSN 0941–7842›

Hermesmeier Wolfgang Hermesmeier: Katalog zur Auktion anlässlich des 24. Kongresses der KMG. In: KMG-Nachrich­ten · Das Vierteljahresmagazin der Karl May Gesellschaft · Nr. 193; separat paginiert; hier: S. [9]; Los 85.
(= Beilage zu) Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft · 49. Jahrgang · 3. Quartal · Nummer 193. Radebeul, Karl-May-Gesellschaft e. V., September 2017.

‹ISBN 3-7802-0157-7›

Hermesmeier/Schmatz Wolfgang Hermesmeier/Stefan Schmatz: Karl-May-Bibliografie 1913–1945 · 1.–5. Tausend. Bamberg—Ra­debeul, Karl-May-Verlag, (2000).
(= Sonderband zu den Gesammelten Werken Karl May’s)

‹ISSN 0941–7842›

Mees Heinz Mees: Neue Karawanenwürger-Ausgaben aufgetaucht · Bibliografische Notizen. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft · 17. Jahrgang · Nummer 67. Hamburg, Karl-May-Gesellschaft e. V., Februar 1986; S. 25–32.

‹ISBN 3-361-00145-5› resp. ‹ISBN 3-598-07258-9›

Plaul Hainer Plaul: Illustrierte Karl May Bibliographie · Unter Mitwirkung von Gerhard Klußmeier. Leipzig, Edition Leipzig, (1988). resp. München—London—New York—Paris, K[laus] G[erhard] Saur, 1989.

‹ISSN 1434-0356›

Schmatz Stefan Schmatz: Grossobücher und denkwürdig abenteuerliche Verlagsbeziehungen · Seltene Einbandvarianten von Karl-May-Büchern (VI). In: KARL MAY & Co. 1|21 · Das Karl-May-Magazin Nr. 163. Borod, Mescalero e. V., Februar 2021; Seiten 80–86.

Schneller Karóly Schneller: May Károly munkássága a magyar könyvkiadás tükrében · Szak­dolgozat. Budapest, Eötvös Lórand Tudományegyetem · Bölesészettudományi Kar · Informatikai – Könyvtártudományi Intézet – Főiskolai Könyvtár – Informatikai Központ, 2005.
[= Karl Mays Werk im Lichte des ungarischen Buchverlags · These. Budapest, Eötvös-Lórand-Universität – Philosophische Fakultät – Informatik – Institut für Bi­blio­thekswissenschaft – Universitätsbibliothek – Informatikzentrum, 2005]

4 Gedanken zu „Ein Stücklein vom rüstigen Sigismund

  • Spannender sehr interessanter Beitrag mit einer Fülle an bibliographischen Informationen. Ich habe großen Respekt vor Ihrer akribischen Forschungsarbeit und bewundere die schönen beigefügten Illustrationen!

    Antworten
    • Es ist immer schön, wenn die eigene Arbeit zu schätzen gewusst wird. Haben Sie Vielen Dank!

      Antworten
  • MAYRHOFER Walter

    Servus Herr Hermesmeier. Ein unglaublicher Aufwand an Zeit für alle diese Recherchen.
    Da steckt wahre Liebe zu Karl May dahinter.
    Es würde mich allerdings interessieren, wie viele Fans sich alle diese Details „reinziehen.“
    All diesen Aufwand hätte ich mir für die in den „unendlichen Weiten des Internets“ auf Eis liegende
    ABLIT-Seite gewünscht.
    ABLIT ist vermutlich ein größerer Verlust, als der Gewinn den man aus fehlenden Ziffern und Punkten der verschiedenen Weichert Publikationen zieht. Hätte Weichert nicht einige KM-Geschichten produziert,
    kein Mensch würde dem Verlag nachweinen. MfG Walter Mayrhofer

    Antworten
    • Lieber Herr Mayrhofer,
      nunja, wenn Robert Kraft oder Edgar Rice Burroughs bei Weichert publiziert worden wären, dann hätten Sie sich die Mühe gemacht. Ich bin ganz sicher 😉
      Wie viele Nutzer sich das alles reinfahren, weiß ich nicht. Ich führe darüber auch keine Statistik. Bin ja eh ein egoistischer eitler Fatzke, der das nur für sich selbst macht 😉
      Herzlichen Gruß
      Wolfgang Hermesmeier

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert