Karl May „Im wilden Westen“

Wiederentdeckungs-Historie

Mit folgenden Worten leitete – ich war gerade eben erst zum Pennäler avanciert – Karl Guntermann [1980] seinen Entdeckerbeitrag in den „Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft“ ein:

Obwohl die Quellen das Erscheinen des Buches ‚Im wilden Westen‘ bestätigen …, ist es auffällig, daß es bis dato noch niemals auftauchte. Es fehlt in jeder öffentlichen Bibliothek oder privaten Sammlung, und es fehlt auch in den Archiven der KMG oder des KMV in Bamberg.
Die Mehrzahl der mit der einschlägigen KM-Literatur vertrauten Forscher neigte bisher zu der Auffassung, daß dies Buch zwar zum Erscheinen vorgesehen, aber tatsächlich nicht erschienen sei.

Es ging ihm um die Beschreibung eines Buches, das laut nationalbibliografischen Verzeichnissen [Hinrichs 1901/Georg 1903/Kayser 1903] im Jahr 1900 erschienen war, jedoch bis dahin für die May-Forschung als verschollen galt:

Dass das Buch in keiner öffentlichen Bibliothek zu finden ist, stimmt übrigens noch immer. Allerdings ist die Aussage insofern zu relativieren, als die Berliner Staatsbibliothek ehemals über ein Exemplar verfügt hat, das als Kriegsverlust gekennzeichnet ist. Schon 1980 hätte der entsprechende Eintrag in der Fehlkartei gefunden werden können. Erschwerend kommt hinzu, dass „Im wilden Westen“ ganz regulär im Börsenblatt [1900-11-24] als „Erschienene Neuigkeit“ gemeldet worden ist, wie es Hainer Plaul [1988; 328.1] dann auch recherchiert hat. Die Vorstellung, das Buch sei nie erschienen, war damit von vornherein abwegig:

Börsenblatt 1900-11-24 (EN)
„Erschienene Neuigkeit“ im „Börsenblatt“ vom 24. November 1900

Blick von außen – Etwas fürs Auge

Achtzig Jahre hatte es also gebraucht, ein Belegstück dokumentieren zu können. Leider hat man sich anhand der Bilder von 1980 kaum eine Vorstellung von dem Buch machen können. Im Beitrag selbst findet man nur eine Schwarzweiß-Fotokopie des Titelblattes. Den Vorderdeckel des Buches empfand man immerhin als so bedeutend, dass man ihn auf dem Umschlag des Mitteilungsheftes reproduzierte, allerdings in nur schlecht kontrastiertem Grau auf gelbem Karton. Vermutlich von demselben Exemplar aus dem Besitz von Ruprecht Gammler brachte Hainer Plaul 1988 [DB 32] in seiner epochemachenden Bibliografie eine schlecht aufgelöste Vorderdeckelabbildung, mutmaßlich auf Basis einer Farbfotokopie:

Before Image After Image

Noch einmal gut drei Jahrzehnte später hat ein gnädiges Schicksal drei Exemplare in meine Hände gegeben. Und obwohl sie dasselbe geprägte Deckelbild aufweisen, dasselbe Titelblatt und sich auch im Textblock keinerlei Variationen ausmachen lassen, sieht doch keines aus wie das andere. Zunächst einmal haben wir es mit drei unterschiedlich gefärbten Einbänden zu tun: dunkeloliv [Ⅰ], grau [Ⅱ] und beige [Ⅲ]. Variante Ⅰ verfügt über eine eigene Rücken- und Hinterdeckelgestaltung sowie über ein besonderes Vorsatzpapier, was damit zusammenhängen könnte, dass nicht Weichert selbst die Bindearbeiten übernommen hatte, sondern „Franz Albrecht. Buchbinderei. Berlin N.O.“, wie auf dem Hinterdeckel eingeprägt ist. Der Name dieser Firma ist bisher im Zusammenhang mit Karl-May-Büchern überhaupt noch nicht aufgetaucht. Die Decken Ⅱ und Ⅲ zeigen einander entsprechende Rücken- und Hinterdeckelprägungen sowie übereinstimmendes Vorsatzpapier und stammen mit höchst anzunehmender Wahrscheinlichkeit aus Weicherts eigener Werkstatt:

Bibliografie

Nachdem die Äußerlichkeiten hinreichend beschrieben sind, wenden wir uns dem Buchblock zu, der bei allen drei vorliegenden Exemplaren identisch ist, und beginnen mit der nüchternen bibliografischen Erfassung:

Autor:Kapitän Marryat/Karl May und andere
Titel:Im wilden Westen.
Untertitel:Zwei Erzählungen für die reifere Jugend mit 8 hochfeinen Chromobildern.
Sammelband:
  1. Sigismund Rüstig oder: Der Schiffbruch des Pacific. Erzählung v[on] Kapitän Marryat.
  2. Der Karawanenwürger und andere Erzählungen. Erlebnisse und Abenteuer zu Wasser und zu Lande von Karl May u[nd] A[nderen].
Ort:Berlin NO. Neue Königstraße 9.
Verlag:Druck und Verlag von A[ugust] Weichert
Jahr:[Erschienen vor dem 24. November 1900]
Format:Farbig illustrierte Leinwand mit Titelgoldprägung; 8º (22,4 × 16 cm)
Kollation A:(2) 135 (1) Seiten; farbiges Frontispiz und 4 (Version Ⅰ) bzw. 3 (Versionen Ⅱ/Ⅲ) weitere chromolithografierte Bildtafeln
Kollation B:127 (1) Seiten; 4 chromolithografierte Bildtafeln
Bibliografische Titelerfassung

„Im wilden Westen“ führt uns vor, wie man Sammelbände ineinander verschachtelt. Der Band besteht aus zwei Büchern mit jeweils eigenem Inhaltsverzeichnis, die im Übrigen parallel auch weiterhin einzeln erschienen. Der den Karl-May-Sammler allein interessierende zweite Teil [B] ist wiederum eine Anthologie, deren Inhalt hier aufgeschlüsselt sei:

Der Karawanenwürger.Von Karl May.
Im wilden Westen.Eine Erzählung aus dem Leben der Grenzer von E. Pollmer [d. i. Karl May].
Ein Kampf mit Piraten.[Von Arthur Wollbrandt].
Ein Abenteuer in Südafrika.Von Emma Pollmer.
An Bord der Schwalbe.Von Karl May
Der Brand des Ölthals.Ein Abenteuer aus den Vereinigten Staaten. Von Karl May.
Die Rache des Ehri.Ein Abenteuer aus dem südlichen Polynesien von Emma Pollmer [d. i. Karl May].
Inhalt von Teil B: „Der Karawanenwürger“

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Verlag über die Verfasserschaften der Einzelerzählungen nicht gänzlich im Bilde war. Der überwiegende Teil stammt tatsächlich von Karl May, sowohl orthonym als auch pseudonym (unter dem Namen seiner ersten Ehefrau Emma geb. Pollmer).

Einzig das anonyme Seeabenteuer „Ein Kampf mit Piraten“ stammt nicht aus seiner Feder. Die Zuschreibung zu Arthur Wollbrandt ergibt sich durch ein Ausschlussverfahren, denn eine satzidentische Parallelausgabe zu „Im wilden Westen“ aus dem gleichen Hause unter dem Titel „Auf der Prairie“ erhielt folgenden Untertitel: „Erzählungen aus dem wilden Westen Amerikas von Arthur Wollbrandt, Carl May und Kapitän Maryat [sic]“. Wenn es sich nicht um eine Mystifikation durch den Verlag handelt, bleibt für Wollbrandt nur „Ein Kampf mit Piraten“ übrig. Dabei darf nicht übersehen werden, dass selbst mit angenommener Namensfindung der Verfasser ein Phantom bleibt, über das wir nichts wissen. Keine weitere Publikation ist unter diesem Namen zu finden. Und auch bei Franz Brümmer [1913] ist er nicht verzeichnet.

Die Illustrierung

Die Titelei von „Im wilden Westen“ spricht von „8 hochfeinen Chromobildern“, die das Buch enthalten soll. Es handelt sich dabei durchweg um Chromolithografien. Insofern ist der Beschreibung zuzustimmen. Schon das Attribut „hochfein“ lässt Zweifel aufkommen, weil die künstlerische Qualität damit kaum gemeint sein kann. Bleibt noch die Zahl zu überprüfen, was mir die Gelegenheit gibt, erst einmal alle verwendeten Einschalttafeln unter Angabe der Position im Block bildlich wiederzugeben.

A. Sigismund Rüstig:

Bei Variante Ⅰ ist „Sigismund Rüstig“ mit 5 statt 4 Tafeln ausgestattet und enthält damit eine zuviel. Die Ursache ist in der Editionsgeschichte des Buches begründet, denn der Titel ist ebenso wie auch „Der Karawanenwürger“ ursprünglich nicht von Weichert konzipiert, sondern 1894 vom ebenfalls in Berlin ansässigen Verlag Hugo Liebau erworben worden. Dort sind beide Bücher satzidentisch erschienen und waren mit jeweils 5 Tafeln ausgestattet. Diese krumme Zahl war drucktechnisch wohl nicht so leicht herzustellen, weshalb Weichert jeweils auf eine Tafel zu verzichten gedachte. Hin und wieder aber treten Exemplare auf, die entgegen der Titelei über den kompletten Tafelsatz verfügten.

B. Der Karawanenwürger:

Zur „Karawanenwürger“-Sammlung gehörten ursprünglich ebenfalls 5 Tafeln. Die mit „Im fernen Westen“ in der Platte bezeichnete Illustration fehlt aber in allen drei Varianten von „Im wilden Westen“, sodass ich sie in die Galerie gar nicht erst aufgenommen habe. Das Fehlen von Tafel 4 in Variante Ⅱ will ich nicht überbewerten: Bei dem Zustand des Buches kann ich nicht ausschließen, dass sie irgendwann in den vergangenen 120 Jahren herausgefallen ist. Auch die ungewöhnliche Positionierung von Tafel 2 innerhalb des „Sigismund Rüstig“ muss keine Verlagsabsicht gewesen sein. Möglicherweise ist das nur die Folge einer „Reparatur“.

Zur Preisgestaltung

Die Seltenheit von „Im wilden Westen“ verlangt geradezu nach einer Erklärung. Die vordergründig nächstliegende ist der exorbitante, geradezu prohibitive Ladenpreis von 6 Mark, der sich durch Material und Umfang nicht erklären lässt. Für die gleiche Summe hätte man zur selben Zeit bei Fehsenfeld die Lederausgabe von Karl Mays „Himmelsgedanken“ erwerben können, ein Rarissimum ersten Grades. Für nur 1 Mark mehr hätte man bei doppeltem Seitenumfang und doppelter Anzahl von Bildtafeln bei der Union Deutsche Verlagsgesellschaft den „Schatz im Silbersee“ bekommen. Für 5 Mark gab es je einen Band der „gesammelten Reiseerzählungen“ in der sehr seltenen Kalblederausstattung, die in der klassischen grünen Leinwand nur 4 Mark kosteten. Ebenfalls für 5 Mark wurden ein paar Jahre später die „illustrierten Reiseerzählungen“ feilgeboten, mit etwa der doppelten Anzahl an Bildtafeln, die von Künstlern neu geschaffen und nicht, wie hier, fertig von einem anderen Verleger übernommen wurden. Kurz und gut: Der Ladenpreis von 6 Mark war in einer Weise nicht konkurrenzfähig, dass man an einen Unfall nicht mehr denken kann, vielmehr kalkulierte Absicht vermuten muss.

Und dazu gibt es auch tatsächlich Hinweise. In Sammlerkreisen kursieren seit den Achtzigerjahren miserable Schwarzweißkopien aus einigen Verlags-Katalogen von A. Weichert, die nicht für den Endkunden, sondern für den Einzel- und Groß­handel bestimmt waren. Auch Hainer Plaul [1988; 328] bezog sich in seiner Bibliografie auf diese Kataloge, worauf ich weiter unten noch zu sprechen komme. Die frühesten Dokumente dieser Art entstammen dem „Verlags-Katalog“, der im Januar 1901 ausgegeben wurde, also erst wenige Wochen nach dem Erscheinen von „Im wilden Westen“.

Auf Seite 33 wird unter der Bestellnummer 96 (übrigens der letzten lieferbaren; mit Nummer 97 beginnen die Vorankündigungen) auch dieser Titel annonciert: „Früherer Ladenpreis 6 Mk. Barpreis 1.75 Mk.“ Offenbar wurde der Ladenpreis für den Sortimentsbuchhandel gleich nach Erscheinen schon wieder aufgehoben. Setzen wir einen branchen­üblichen Wiederverkäuferrabatt von 30% an, so läge ein fiktiver Ladenpreis bei 2.50 Mk. Weichert hat den Buchpreis also kurz nach (wenn nicht schon bei) Erscheinen um fast 60% reduziert. Es sollte also – der Verdacht drängt sich auf – für den Ramsch produziert werden. Freilich erklärt das die Seltenheit des Buches nicht.

Die Maßnahme wirkt befremdlich, strahlt auch nicht eben Seriösität aus, passt allerdings tatsächlich gut zu Weichert, dessen Hauptgeschäft mit dem stationären Buchhandel wenig zu tun hatte. Der Verlag vertrieb überwiegend über Großkunden und Kaufhäuser. Es liegt auf der Hand, dass die Preisfestsetzung im „Börsenblatt“ mutmaßlich dazu diente, mit einer gewaltigen Preissenkung werben zu können. Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass trotz des hohen Preises einzelne Buchhandlungen zum vollen Kurs geordert haben, welcher auch immer das gewesen sein könnte, denn Bezugsbedingungen hat Weichert, soweit es das „Börsenblatt“ betrifft, aus gutem Grund gar nicht erst publiziert. Um berechtigten Beschwerden entgegentreten zu können, sind möglicherweise unterschiedliche Einbandvarianten hergestellt worden. Damit wären die Buchhändler-Exemplare von den Grossobüchern [Schmatz 2021] unterscheidbar gewesen. Zugegebenermaßen betreten wir hier den ebenso fruchtbaren wie unsicheren Boden, auf dem Spekulationen ganz besonders gut gedeihen. Leider verfügt keines meiner drei Exemplare über Preiseintragungen alter Hand, die etwas Licht hätten hineinbringen können.

Nachauflagen?

Klassische Auflagenbezeichnungen wird man in den Büchern des Verlags A. Weichert vergeblich suchen. „Im wilden Westen“ bildet in der Beziehung keine Ausnahme. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass nur eine Auflage gedruckt wurde. Weichert hat auf entsprechende Nachfrage im Stereotyp-Verfahren einfach weitergedruckt, ohne dass ein Außenstehender das nachvollziehen könnte. Man kann nur versuchen, Einzelexemplare durch Autopsie miteinander zu vergleichen. Dabei muss man sich im Klaren darüber sein, dass abweichende Einbände kein Nachweis für Neuauflagen sind (das schließt meine drei Exemplare selbstverständlich ein). Umgekehrt können aber auch verschiedene nicht identifizierbare Druckauflagen äußerlich ununterscheidbar sein.

Von meinen drei Exemplaren kann ich tatsächlich nur eines auch nur halbwegs zuverlässig datieren. Variante Ⅱ wurde gemäß einer Eintragung alter Hand zu Weihnachten 1902 verschenkt, könnte also gut noch zu einer angenommenen Erstausgabe von 1900 passen.

Trotz der beschriebenen Problematik hat Hainer Plaul [1988; 328.2/3] in seiner Bibliografie unter Hinzuziehung zweier weiterer Verlagskataloge (April 1903 und März 1908) zwei zusätzliche Auflagen verzeichnet. Das verwundert mich nicht wenig, denn Kataloge spiegeln nur die Lieferbarkeit von Büchern wieder, geben aber keinerlei Hinweise auf Auflagen oder Stückzahlen. Im besten Falle dokumentieren sie eine veränderte Ausstattung. Abgesehen davon kann man den Auflagenbegriff kaum an das zufällige Auftauchen einer kleinen Auswahl von Katalogen knüpfen.

Bei Weichert scheint es Monat für Monat ein neues Verzeichnis gegeben zu haben. Aus einem Zeitraum von etwa acht Jahren konnten jedoch nur vier tatsächlich berücksichtigt werden. Man ahnt die Lücken. Aber sehen wir uns das im Einzelnen an: Eine zweite Auflage von „Im wilden Westen“ führte Plaul [1988; 328.2] auf den Verlagskatalog von April 1903 zurück. Zwar suggeriert die Randnotiz von fremder (aber sicher nicht alter) Hand auf Seite 33 einen „Neusatz“. Tatsächlich stimmen aber alle gedruckten Informationen dieser Seite mit denen von Januar 1901 überein.

Einzig die seinerzeit noch angekündigt gewesenen Titel waren mittlerweile erschienen und dementsprechend lieferbar. Dass von „Im wilden Westen“ mittlerweile eine Neuauflage veranstaltet worden sein soll, gar noch als Neusatz, ist dem Dokument nicht zu entnehmen.

Eine angenommene dritte Auflage verdankt ihre Verzeichnung bei Plaul [1988; 328.3] einem Katalog-Eintrag von März 1908. Bei unveränderter Bestellnummer wurde das Buch inzwischen mit neuer Einbandgestaltung beworben.

Die Informationstexte blieben unangetastet. Lediglich die Bezugsbedingungen wurden um eine erhebliche Rabattstaffel ergänzt. Der Barpreis für das Einzelstück blieb bei 1.75 Mark. Bei Abnahme von 100 Exemplaren waren aber nur noch 150 Mark zu entrichten. Dass Weichert hier auf Großkunden zielte und nicht auf den Endverbraucher, ist unübersehbar.

Problematisch ist nun folgendes: Eine Ausgabe von „Im wilden Westen“ mit dem angegebenen Inhalt und diesem neuen Deckelbild ist bis heute nicht nachgewiesen worden. Damit ist – wie wir schon eingangs gelernt haben – der Beweis natürlich nicht erbracht, der sich zur Widerlegung der Existenz eignet. Wer immer ein solches Exemplar besitzt, sei herzlich eingeladen, sich mit mir in Verbindung zu setzen.

„Im wilden Westen“ ohne Karl May

Um die Verwirrung komplett zu machen, hat Weichert die neue Einbandgestaltung schon Jahre zuvor für ein Buch mit gleichem Titel, gleicher Bestellnummer, jedoch völlig anderem Inhalt verwendet. Laut Weichert-Katalog von November 1904 enthielt der Band nämlich nicht „Sigismund Rüstig“ und „Der Karawanenwürger“, sondern stattdessen „Goldstrumpf, der Schützling des Capeiro-Indianers“ von Konrad Fischer-Sallstein und „Jack, die Bärenklaue“ von Major von Krusow. Es gibt wohl kaum eine Verrücktheit, die dem Weichert-Verlag nicht zuzutrauen wäre.

Wer nun angesichts des auch unverändert gebliebenen Werbetextes glaubt, es müsse sich um einen Fehler im Katalog handeln, den müsste ich vom Holzweg wieder zurückholen, denn dieses Buch lässt sich tatsächlich nachweisen. Ich selbst besitze ein zugegebenermaßen ramponiertes Exemplar, das im Folgenden ebenso berücksichtigt wird wie ein weiteres, sich davon leicht unterscheidendes, aus der Sammlung von Christoph Blau. Falls Leser über bessere oder abweichende Exemplare verfügen sollten, bin ich jederzeit bereit, Abbildungen auszutauschen oder eventuelle Ergänzungen vorzunehmen. Beginnen wir zunächst wieder mit den trockenen bibliografischen Daten:

Autor:M. Conrad Fischer-Sallstein/Major von Krusow
Titel:Im wilden Westen.
Untertitel:Zwei Erzählungen für die reifere Jugend. Mit acht Chromobildern.
Sammelband:
  1. Goldstrumpf[,] der Schützling des Capeiro-Indianers. Erlebnisse eines deutschen Knaben in den Urwäldern Brasiliens.
  2. Jack, die Bärenklaue. Eine Erzählung aus dem Indianer-Territorium.
Ort:Berlin NO.43. Neue Königstraße 9.
Verlag:Druck und Verlag von A[ugust] Weichert
Jahr:[Erschienen vor November 1904]
Format:Farbig illustrierte Leinwand; Gr.-8º (22,5 × 16 cm)
Kollation A:(2) 136 Seiten; farbiges Frontispiz und 3 weitere chromolithografierte Bildtafeln
Kollation B:122 Seiten; 4 chromolithografierte Bildtafeln
Bibliografische Titelerfassung

Wie wir sehen, lassen sich für den Band zwei Titelblätter nachweisen, die – vom Verlagssignet abgesehen – identisch sind. Das untere wurde mir dankenswerter Weise von Christoph Blau zur Verfügung gestellt, von dem auch die weiter unten folgenden Einband-Scans stammen.

Mein Exemplar (oberes Titelblatt) kann ich nicht zuverlässiger datieren. Zwar ist tatsächlich eine Widmung enthalten („Zum Andenken an deine Tante Alma am 17./10. 20“). Dass es tatsächlich erst zu Beginn der Zwanzigerjahre herauskam, kann aber ausgeschlossen werden: Selbst bei Verlagen, die nicht das Billig-Segment bedienten, war man schon während des Weltkriegs aufgrund von Materialknappheit und danach erst recht – wegen der einsetzenden Täuerung – von Ganzleinen- zu Halbleinen- und Pappbänden gewechselt.

So also müsste/könnte die Kombination von „Sigismund Rüstig“ und „Der Karawanenwürger“ etwa 1908 oder wenig früher ausgesehen haben, wenn denn ein Exemplar aufgefunden würde. Format und Stärke würden jedenfalls passen. Deckelillustration und -typografie wirken deutlich moderner. Allerdings war die Herstellung auch simpler, weil weniger Farben zum Einsatz kamen, tatsächlich nur zwei. Und auf die Goldprägung wurde ebenfalls verzichtet. Es gibt wohl nichts, das man nicht noch billiger herstellen kann. Das gilt auch für Bücher.

Buchherstellung nach dem Baukasten-Prinzip

Wir haben bis hierher einen Verleger mit recht merkwürdigen Geschäfts­praktiken kennengelernt. Bei Weichert gab es:

  • Bücher gleichen Inhalts mit unterschiedlichen Titeln und/oder Einbänden
  • äußerlich nicht unterscheidbare Bücher mit unterschiedlichem Inhalt bei gleicher Bestellnummer
  • Bücher, die aus zwei anderen Büchern zusammengebunden sind
  • solche Sammelkombinationen wieder mit unterschiedlichen Titeln und Einbänden

Dazu kommt noch eine – bei „Im wilden Westen“ allerdings nicht beobachtete – Eigenart, die Firmierung von Großabnehmern zu deren Wohlgefallen statt der eigenen ins Impressum aufzunehmen.

Nicht nur für Bibliografen sind diese Umtriebe höchst verwirrend. Es bestand auch eine erhöhte Gefahr von Verbrauchertäuschung. Bei den heute geltenden Gesetzgebungen im Bereich des Verbraucherschutzes und des Wettbewerbsrechts ist die Nachahmung nicht zu empfehlen.

Stefan Schmatz [2021] hat erst kürzlich den von Heinrich Wolgast [1905] stammenden Begriff der „Grossobücher“ in der May-Forschung etabliert, um das skurrile Phänomen der sogenannten „Karawanenwürger“-Ausgaben des Verlags A. Weichert, Berlin zu beschreiben. Bei ihm ging es um die seltene Titelvariante „Denkwürdige Abenteuer“ des „Karawanenwürgers“. Wer Interesse an solchen Detailfragen hat, dem sei sein Aufsatz zur Lektüre empfohlen.

Dank eines freundlichen Hinweises von Stefan Schmatz konnte ein Fehler emendiert werden. Außerdem bin ich Christoph Blau sehr zu Dank verpflichtet, der mich im Nachgang auf die Erstveröffentlichung hier mit Bildmaterial aus seinem non-May-Exemplar von „Im wilden Westen“ versorgt und somit zur Aufwertung des Artikels beigetragen hat.

Wolfgang Hermesmeier
Berlin, 1. April 2021


Literaturverzeichnis

Börsenblatt Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel und die verwandten Geschäftszweige. [Siebenundsechzigster Jahrgang.] Nº 273. Leipzig, Börsenverein der deutschen Buchhändler, 24. November 1900; hier: Seite 9299 [des laufenden Jahrgangs]. Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek

Brümmer 1913 Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Sechste völlig neu bearbeitete und stark vermehrte Auflage. Achter Band. Wißmann bis Zyböri. Nachträge zum 1.–8. Band. Leipzig, Verlag von Philipp Reclam jun[ior], [1913]. Digitalisat von archive.org

Georg 1903 Karl Georgs Schlagwort-Katalog · Verzeichnis der im deutschen Buchhandel erschienenen Bücher und Landkarten in sachlicher Anordnung · IV. Band 1898–1902 · 1. Abteilung · A–K. Hannover, Verlag von Gebrüder Jänecke, 1903; hier: Seite 790. Digitalisat der Hathi Trust Digital Library

‹ISSN 0941-7842›

Guntermann 1980 Karl Guntermann [d. i. Karlheinz Schulz]: Bibliographische Notizen. Neue Folge: ›Im Wilden Westen‹. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft 12. Jahrgang Nummer 45. Hamburg, Karl-May-Gesellschaft, September 1980; Seiten 26–32 und U1. Digitalisat der Karl-May-Gesellschaft

Hinrichs 1901 Hinrichs’ Fünfjahrs-Katalog der im deutschen Buchhandel erschienen Bücher, Zeitschriften, Landkarten etc. · Titelverzeichnis und Sachregister · Zehnter Band 1896–1900 · Bearbeitet von Heinrich Weise · Titelverzeichnis mit Anhang Voranzeigen von Neuigkeiten · Verlags- und Preisänderungen. Leipzig, J[ohann] C[onrad] Hinrichs’sche Buchhandlung, 1901; hier: Seite 606. Digitalisat der Hathi Trust Digital Library

Kayser 1903 Christian Gottlob Kayser’s Vollständiges Bücher-Lexikon enthaltend die vom Jahr 1750 bis Ende des Jahres 1902 im deutschen Buchhandel erschienenen Bücher und Landkarten. Einunddreißigster Band oder des XIII. Supplementbandes erste Hälfte. 1899–1902. Mit Nachträgen und Berichtigungen zu den früheren Bänden. Bearbeitet von Heinrich Conrad. A–K. Leipzig, Chr[istian] Herm[ann] Tauchnitz, 1903; hier: Seite 966. Digitalisat der Hathi Trust Digital Library

‹ISBN 3-361-00145-5› resp. ‹ISBN 3-598-07258-9›

Plaul 1988 Hainer Plaul: Illustrierte Karl May Bibliographie · Unter Mitwirkung von Gerhard Klußmeier. Leipzig, Edition Leipzig, (1988). resp. München—London—New York—Paris, K[laus] G[erhard] Saur, 1989.

‹ISSN 1434-0356›

Schmatz 2021 Stefan Schmatz: Grossobücher und denkwürdig abenteuerliche Verlagsbeziehungen · Seltene Einbandvarianten von Karl-May-Büchern (VI). In: KARL MAY & Co. 1|21 · Das Karl-May-Magazin Nr. 163. Borod, Mescalero e. V., Februar 2021; Seiten 80–86.

Wolgast 1905 Heinrich Wolgast: Das Elend unserer Jugendliteratur · Ein Beitrag zur künstlerischen Erziehung der Jugend · Dritte Auflage (5. und 6. Tausend). Leipzig—Berlin, Verlag von B[enedictus] G[otthelf] Teubner, 1905. Digitalisat der Universitätsbibliothek Leipzig

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