AufsätzeBibliografie

„Old Surehand“, Berlin 1936

Überlegungen zu zwei abweichenden Einbandgestaltungen

DBG Weihnachtsprospekt
Weihnachtsprospekt der DBG von 1936
Mitte unten mit „Old Surehand“

Kürzlich hat uns Stefan Schmatz [2022a] in einem Hauptbeitrag und einer Ergän­zung dazu [2022b] die Karl-May-Ausga­ben „Old Surehand“ der Deutschen Buch-Gemein­schaft (DBG) vorgestellt. Zwei spezielle Fragen wur­den in diesem Zusammenhang nur gestreift und konnten nicht befriedigend beantwortet werden. Da­bei geht es einerseits um die Datierung der Binde­quote der 1936er-Ausgabe des „Old Surehand“ [Her­mesmeier/Schmatz LA12–13] in Halbleinwand. Wa­rum gab es sie überhaupt und ab wann genau? Ande­rerseits betrifft es die Datierung der seltenen Binde­quote eben dieser Edition in Halbleder mit „Band­keramik“-Muster als Bezugspapier. Beide Thematiken möchte ich hier detaillierter aufgreifen und einer Be­antwortung näher bringen, auch wenn ich vorab gestehen muss, dass ich das Stadium der Plausibilität nicht überschreiten werde und letztgültige Beweise schuldig bleiben muss.

Bindequote in Halbleinwand

Old Surehand Halbleinen
Halbleinen-Bindequoten der beiden „Surehand“-Bände, die normalerweise in Halbleder gebunden waren.

Stefan Schmatz formuliert ebenso vage wie vorsichtig:

Die beiden Bände erschienen auch in einer Halbleinwand-Variante, die als vermutliche Bindequote aus der Kriegszeit ab Ende 1939 auf den Markt gekom­men sein wird.

Schmatz 2022a; S. 18

Er scheint davon auszugehen, dass Halblederbände aufgrund kriegsbedingter Mangelwirt­schaft nicht mehr beschaffbar waren. Dem würde ich sofort widersprechen. Einerseits hatte der Materialmangel 1939 noch lange nicht eingesetzt. Die Wehrmacht hatte im September 1939 gerade erst Polen überfallen und betrieb ja noch lange Zeit den sogenannten ‚Blitz­krieg‘ sehr erfolgreich. Andererseits wird jeder Antiquar bestätigen können, dass man mit wirtschaftlich kaum verwertbaren Halblederbänden aller Buchgemeinschaften aus den 40er-Jahren seine Keller be­quem zumauern könnte. Meiner Ansicht nach ist die Ursache für den Umstieg beim Rücken-Material woanders zu suchen:

Buchclubs haben seit jeher damit geworben, dass sie gute und edel ausgestattete Bücher preiswerter anbieten können als die Originalverleger. Eine Preisdifferenz nach unten war also entscheidend für das Geschäftsmodell. Stefan Schmatz 2022a [S. 20] macht hierzu auch die richtigen Angaben: Während die beiden Bände „Old Surehand“ zusammen im Jahr 1936 beim Karl-May-Verlag 9 Reichsmark kosteten, musste man bei der Deutschen Buch-Ge­meinschaft für denselben Text nur 6,80 Reichmark hinlegen. Das ist für den Leser eine Er­sparnis von immerhin 24,4 Prozent.

Börsenblatt 22. August 1938
Verkündung der Preissenkung durch den KMV
im Börsenblatt vom 22. August 1938
KMV-Prospekt 1938
Quartprospekt des Karl-May-Verlag von 1938, der
auf der Titelseite mit der Preissenkung wirbt

Diesen Vorteil aber machte der KMV weitgehend zu­nichte, als er zum 1. September 1938 den Ladenpreis für die „Gesammelten Werke“ um über 15 Prozent von 4,50 RM auf 3,80 RM senkte. Man stelle sich vor: eine Preissenkung! Von so etwas kann man heute nur träumen. Am 22. August 1938 gab es dazu eine um­fassend erklärende, ganzseitige Anzeige im Börsen­blatt. Gleichzeitig wurde auf Quartprospekten mit der Preissenkung geworben, die in Buchhandlungen zur Mitnahme auslagen. Damit kosteten die zwei Bände „Old Surehand“ dort zusammen nur noch 7,60 RM, und der Vorsprung der DBG-Ausgabe war auf 10,5 Prozent zusammengeschmolzen. Das wird für das Geschäftsmodell zu wenig und die Deutsche Buch-Gemeinschaft gezwungen gewesen sein, den ei­genen Preis ebenfalls zu senken, was möglicherweise in Halbleder nicht mehr wirtschaftlich darstellbar war, weshalb man auf den preiswerteren Einband in Halbleinwand umstieg.

Diese Bindequote könnte also zeitlich mit der Preis­senkung des KMV zusammenfallen, mithin schon ein Jahr früher entstanden sein als von Stefan Schmatz angenommen. Beweisen kann ich das nicht, gehe aber davon aus, dass in Bamberg entsprechende Kor­respondenzen existieren, mit denen das belegbar wä­re. Dass die allgemeine Preissenkung nicht den zahl­reichen Lizenznehmern vorab kommuniziert worden wäre, halte ich für ausgeschlossen. Weitere Quellen, mit deren Hilfe sich das beweisen ließe, wären entsprechende Werbeprospekte der Deutschen Buch-Gemeinschaft, die sowohl den neuen Einband als auch einen herabgesenkten Preis wieder­spiegeln sollten. Mir sind derzeit jedoch keine bekannt.

Bindequote mit „Bandkeramik“

Stefan Schmatz diskutiert die Möglichkeit, dass es sich bei dieser Umschlagvariante um ei­nen verworfenen Entwurf handeln könnte, und schließt:

Da der dort [gemeint sind Prospekte von 1936] gezeigte und sehr viel häu­figere Einband [mit illustrierten Deckelbezügen] künstlerisch sicherlich wert­voller ist, steht kaum zur Debatte, dass die „Bandkeramik“-Bände später er­schienen.

Schmatz 2022a; S. 21

Genau das nehme ich jedoch an, denn meine beiden Belegstücke, zusammen aus einem Ver­kauf über Kleinanzeigen erworben, tragen auf dem Vorsatz private Widmungen von gleicher Handschrift. Ein gewisser Manfred hat die beiden Bücher „von Tante Hanni u. Bärbel“ zu „Weihnachten 1948“ und zum Geburtstag am „16. I. 49“ als Geschenk erhalten, perfiderweise – wie gemein kann die liebe Verwandschaft sein? – den zweiten Band zuerst.

Widmung Old Surehand I
Private Widmung auf dem Vorsatz von „Old Surehand I“
Widmung Old Surehand II
Private Widmung auf dem Vorsatz von „Old Surehand II“

Natürlich sind zwei Belegstücke kein Beweis, aber es erscheint dennoch plausibel anzuneh­men, dass diese Variante ein Phänomen der Nachkriegszeit ist. Über eine Kalkulation in Re­lation zum Originalverlag hätte sich die Deutsche Buch-Gemeinschaft zu dieser Zeit nämlich keine Gedanken machen müssen. Der Karl-May-Verlag war ausverkauft. Ueber­reuter in Wien hatte den Titel zwar seit 1948 im Programm, durfte aber nach Deutschland nicht lie­fern, und der erste Lizenznehmer für „Old Surehand“ in Deutschland, die Keysersche Ver­lagsbuchhandlung in Heidelberg, hatte den „Surehand“ erst ab 1949 im Programm. Somit konnte die Deutsche Buch-Gemeinschaft als quasi-Monopolist auf „Old Surehand“ den Ver­kaufspreis frei kalkulieren und auch wieder wie gewohnt Leder für den Rücken verwenden. Prospektmaterial, das irgend etwas davon belegen könnte, liegt mir allerdings nicht vor.

Bandkeramik
Bezugspapier mit Dekor ähnlich Steingut
in Naturfarben aka „Bandkeramik“

Es bleibt die Frage nach dem neuen Bezugspapier, die ich nur spekulativ angehen kann. Die Deutsche Buch-Ge­meinschaft hatte nach einem Bericht vom Wirtschafts­Echo am Berliner Sitz Kriegsverluste zu beklagen. Das Verlagsgebäude wurde am 3. Fe­bru­ar 1945 komplett aus­gebombt.

Die Druckerei A. Sey­del & Cie., Inhaberin der Deut­schen Buch-Gemeinschaft, blieb zwar verschont, wurde allerdings von den sowjetischen Besatzern fast gänzlich demontiert. Zum Waren- und Materiallager liegen mir allerdings keine Informationen vor. Ist es mit dem Verlagsgebäude untergegangen oder war es in der Druckerei untergebracht? Möglicherweise sind die verbliebenen illustrierten Bezugspapiere einfach verbrannt und die Druckplatten zerstört gewesen. Man könnte, statt mühsam neues zu beschaffen, nach Kriegsende einfach genommen haben, was noch herumlag und sich vom Motiv her eignete, zumal die DBG am interimsweise bezogenen neuen Standort im Westteil Berlins am Kurfür­stendamm mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatte, vor allem mit Papiermangel (!), sodass 1948 ein Umzug nach Hamburg erfolgte (bevor die DBG 1951 endgültig nach Darm­stadt umzog).

Aus dieser Perspektive ist es eher unwahrscheinlich, dass dieses neue Dekor von Hans Möh­ring entworfen wurde. Aus genau den gleichen Gründen sind ja auch beim Karl-May-Verlag seltsame und seltene Nachkriegs-Restbindequoten entstanden, die ganz ohne Deckelbild auskamen, mit Lesezeichen-Motiv oder auch mit Wiener und Bamberger Deckelbildern ver­sehen waren [vgl. Hermesmeier/Schmatz; DB 103–123, 146–147, 161–165].

Wie stets lade ich auch diesmal dazu ein, mir nützliches und/oder beweiskräftiges Material zuzuleiten, das geeignet ist, meine Arbeitshypothesen zu stützen oder zu widerlegen. Dan­kenswerterweise hat mir Dr. Winfried Glocker einen Zeitungsartikel zur Geschichte der Deutschen Buch-Gemeinschaft zugänglich gemacht, der das Kriegsende und die unmittelba­re Nachkriegszeit der DBG näher beleuchtet.

Wolfgang Hermesmeier
Berlin, 14. bis 16. Juni 2022

Börsenblatt Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel · 105. Jahrgang · Nr. 194. Leipzig, Börsenverein der Deutschen Buchhändler, 22. August 1938; S. 4050. Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek

‹ISBN 3-7802-0157-7›

Hermesmeier/Schmatz Wolfgang Hermesmeier/Stefan Schmatz: Karl-May-Bibliografie 1913–1945 · 1.–5. Tausend. Bamberg—Ra­debeul, Karl-May-Verlag, (2000).
(= Sonderband zu den Gesammelten Werken Karl May’s)

‹ISSN 1434-0356›

Schmatz 2022a Stefan Schmatz: Karl May in der Deutschen Buch-Gemeinschaft · Seltene Einbandvarianten von Karl-May-Büchern (VII). In: KARL MAY & Co. 1|22 · Das Karl-May-Magazin Nr. 167. Borod, Mescalero e. V., Februar 2022; S. 18–22.

‹ISSN 1434-0356›

Schmatz 2022b Stefan Schmatz: Dietrich Evers und das Berliner Pfeifen-Tipi. In: KARL MAY & Co. 2|22 · Das Karl-May-Magazin Nr. 168. Borod, Mescalero e. V., Mai [recte: Juni] 2022; S. 94–(95).

WirtschaftsEcho ha: Frischer Wind im Druckerviertel. In: WirtschaftsEcho · Magazin für Macher und Märkte · [Ausgabe:] Dezember 2009/Januar 2010; S. 7.
Beilage zu: Darmstädter Echo · Die unabhänige politische Tageszeitung Südhessens. Darmstadt, Echo-Zei­tungen, 9. Dezember 2009. Digitalisat bei Doczz

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